KASBOEK XI museum for sale

Nieuw Dakota, Amsterdam 2014

13 – 23 Feb Nieuw Dakota, platform for contemporary art
Opening: 16 feb 4:00-6:00 pm
public discussion performance 3:00-14:00 pm
ADRESS
Ms. van Riemsdijkweg 41b, Amsterdam
OPENINGSTIJDEN
thu & fri 11:00 a.m.- 6:00 p.m.
sat & sun 11:00 a.m.- 5:00 p.m.

access free

starting value:  € 49.926,-

Exposer dans un musée, c’est aussi exposer le musée

Daniel Buren

 

KASBOEKcollective works with contemporary issues regarding the concept of ‘value’ in the art world. These issues are translated in to cross-medial art projects. These projects interact directly with the environment, with the artists and the current affairs, resulting in a new experience of the issues regarding the concept of value.

The project ‘museum for sale’ will take place in Münster, Germany. The keynote of this exhibition is the value of the museum as an institution in the current financial climate. It seems that people experience a museum as an institute with rooms, collections, attendants, shops, benches, explanation signs, catalogues, maps, foyer, surveillance cameras, hygrometers, friends of the museum, linen bags, in short it is a big circus. It was precisely this circus that interests us.

What is the definition of a museum? When is it an art gallery? What is the value of a museum to an artist? How does it show? Is it appropriate for a museum to sell its art or does it work to sell the institute as a whole as in our project. What is it worth on the market? In short it is a complete museum worthy exhibition and linen bags. The total package is for sale. The certificate of authenticity is ready!

With this project we want to open structures, create new relations by forcing a turning point in the way we traditionally look at art and its institutions. One is invited to look differently at art and one’s own assumptions regarding museums. What did you see or have you missed something? For example, a cash register that doesn’t add but subtracted, a catalogue that does not register the facts, but shows the process of ‘Museum for sale’, which yields more than the sum of its parts, an art book.

What was the museum worth?

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KASBOEK XI, museum for sale in Münster (Duitsland) dec. 2012

 

starting value:  € 50.000,-
interim value (the end of the exhibition): € 49.926,-

Alles was echt ist  – KASBOEK XI, Museum zu verkaufen

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich werde mich heute abend etwas kürzer fassen, als Sie es vielleicht erwarten oder von mir gewohnt sind; das hat einzig und allein damit zu tun, dass ich sehr kurzfristig für den ursprünglich eingeladenen, nun aber erkrankten Redner eingesprungen bin – keinesfalls liegt es an der hier ausgestellten Kunst, denn die verdiente eher eine besonders lange Ansprache.

Wo sonst vereinen sich schon mal Ideen und Werke, Anklänge an und Zitate von Daniel Buren, Yves Klein, Jean Tinguely, Robert Filliou, Sam Francis, Marcel Duchamp und General Idea? Noch dazu auf so engem Raum?
Die richtige Antwortet lautet: Natürlich im Museum! Und genau damit haben wir es hier und heute zu tun, mit einem veritablen Museum, für kurze Zeit errichtet in diesem Ladenlokal. Und, was noch besser ist: Dieses Museum steht zum Verkauf!

Das ist gut durchdacht. Denn einerseits befindet sich auch diese unsere Stadt im vorweihnachtlichen Konsum- und Kaufrausch; alles, von dem man bis vor kurzem weder wußte, dass es das gibt, noch dass man es braucht (wie goldene Super-Push-Up-BHs, Nudeln mit Lakritzgeschmack oder Smartphones mit Achselhaarentfernungs-App), muß nun schleunigst erworben werden.
Andererseits mangelt es Münster zur Zeit an einem Kunstmuseum, schließlich schläft das eigentlich vorhandene Landesmuseum gerade dornröschengleich hinter Bauzäunen. Also, die Gelegenheit ist günstig….
Aber wer hat hier eigentlich etwas zu verkaufen? Drei Damen aus den Niederlanden namens Cathalijne Postma, Debbie van Berkel und Jojanneke Postma. Zusammen bilden sie die Künstlervereinigung KASBOEK, zu deutsch: Kassenbuch, die projektweise zusammenarbeitet, und mit „Museum zu verkaufen“ bereits ihr elftes Großprojekt auf die Beine stellt.

meer

Auf die Idee mit der Kasse komme ich später nochmal zurück. Aber zunächst muß die Frage erlaubt sein: Was tun die hier eigentlich? Ein Museum verkaufen? Was fällt denen ein? Sind die noch ganz bei Trost? Einen fest etablierten Hort unserer Kultur und unseres bildungsbürgerlichen Selbstverständnisses einfach zu verhökern? Ist das erlaubt? Schon der geplante, öffentlich annoncierte Verkauf einzelner Werke aus Museumsbesitz zur Finanzierung des laufenden Betriebes löst jedesmal – und ganz zu Recht – Stürme der Entrüstung aus. Und jetzt soll es nicht nur ans Tafelsilber gehen, sondern, um im Bilde zu bleiben, an den ganzen Besteckschrank?

Bevor sich nun aber irgendein selbsternannter Lordsiegelbewahrer des öffentlichen Kunstbesitzes anschickt, sich als Retter des Abendlandes in Positur zu werfen, kann ich ihn oder sie beruhigen: Das Museum, um das es hier geht, gibt es noch gar nicht. Das heißt: Es gibt es schon. Aber nicht wirklich. Also, die Sache ist etwas kompliziert… Vielleicht können wir uns darauf einigen: Es ist ein Do-it-yourself-Museum; ein Museum der Möglichkeiten und ein Museum in der Möglichkeitsform.

Mindestens aber ist es zweierlei: Ein Künstlermuseum und ein Museum als andauerndes work in progress. Das bedeutet: In verschiedenen Medien beherbergt dieses Museum die Werke des Künstlerinnenkollektivs KASBOEK. Und wer Robert Fillious aus dem Hut gezaubertes Museum, Marcel Duchamps Boîte en Valise oder General Ideas Yen-Boutique kennt, weiß ungefähr, was ich meine. Es ist eine hochgradig durchdachte, selbstreflexive Präsentation desbisherigen künstlerischen Schaffens, eine Retrospektive en miniature.
Und es ist zugleich ein Museum von unbestimmter Größe bzw. ungeahnten Ausmaßes, denn es schwebt noch irgendwo zwischen Fiktion und Realität, ein bisschen wie ein Raumschiff from outer space, das noch nicht ganz auf dem Boden der Tatsachen angekommen ist. Aber alles ist vorbereitet für die große Landung, den Tag der finalen Eröffnung; alle Bestandteile sind schon vorhanden, es muß nur noch zusammengesetzt werden – und natürlich wird das Ganze mehr sein als die Summe seiner Teile.

Als da wären: Ein detaillierter Grundriss des Museumsbaus über vier Etagen. Ein Hinweisschild in Neon, ein als Warenzeichen eingetragener Schriftzug und das K-Logo. Ein Muster des zu verlegenden Parkettfußbodens. Jede Menge spezieller white cube -weißer Wandfarbe. Bunte Bilder auf Leinwand. Schwarzweiße Photos. Recycling-Skulpturen aus Porzellan. Performance-Relikte. Verschiedenfarbige Hinweisschilder, eine Hausordnung und eine Überwachungskamera – schließlich gelten im Museum besondere Verhaltensregeln, die eingehalten und kontrolliert werden müssen. Dem Schutz der ausgestellten Werke dient auch ein funktionierender Hygrometer. Es wird Toiletten, Garderoben, ein Auditorium und ein Café geben, und schon jetzt gibt es schicke Hocker als Sitzmöglichkeit zum Ausruhen.

Vor allem aber gibt es einen Masterplan: Der wird  hier in Form eines handgebundenen Buch-Unikats im Überformat präsentiert – und darf nur vom Museumspersonal umgeblättert werden. In klein und schwarzweiß kann man ihn auch als Katalog erwerben und getrost nach Hause tragen.

Womit wir wieder beim Kaufen und Verkaufen angekommen wären und bei einem wesentlichen, wenn nicht dem wichtigsten Bestandteil des Museums, dem Museums-Shop:

Hier können Sie beispielsweise Postkarten, ein Bündel Buntstifte, Untersetzer und Regenschirme erwerben, alles eigens gefertigte, zum Teil in nur geringen Auflagen existierende KASBOEK-Werke.
Aber hier stellt sich zwangsläufig die Frage: Wenn ich die Bestandteile des Museums nach und nach aufkaufe, dann verringert sich doch der Gesamtwert des Museums, oder? Aber auch das haben die Hüterinnen des Kassenbuchs, die drei Grazien des käuflichen Museums klug bedacht: Vom mit momentan  50.007 Euro äußerst günstig festgelegten Kaufpreis für das gesamte Museum wird mit dem Verkauf jedes Ausstellungsstückes dessen Wert abgezogen. Dazu dient die am Eingang postierte Kasse.

Ebenso wie für das Gegenteil: Mit jedem gezählten Besucher steigt nämlich der Wert des Museums um 1 Euro. Das ist betriebswirtschaftlich gesehen vielleicht etwas ungenau, aber trifft den Nagel auf den Kopf. Je höher die Besucherzahlen, desto mehr wert scheint ein Museum zu sein. Zumindest in manchen Köpfen. Nicht in unseren, selbstverständlich.

Aber zurück zu den wahren Werten: Selbstverständlich tun Sie, liebe Besucher, den Künstlerinnen den Gefallen der Wertschätzung, wenn Sie ihnen etwas abkaufen.

Und ganz gleich, was Sie erwerben: Alles wird mit einem Echtheitszertifikat versehen. Auch wenn das Museum dadurch weniger wird. Und die Wahrscheinlichkeit, dass aus einem möglichen ein echtes Museum wird, geringer.

Das ist ganz schön verwirrend, das gebe ich ja zu. Darüber muß man vielleicht erst einmal in Ruhe nachdenken. Zum Glück hat, wie jedes gute Museum, auch das KASBOEK-Museum montags Ruhetag. Aber sonst regelmäßige Öffnungszeiten von elf  bis fünf. Die sollten Sie nutzen und wiederkommen!

Beispielsweise, um sich mit den reizenden Damen über ihre künstlerischen Konzepte umfassend zu unterhalten. Die könnten Ihnen dann all das erklären, was ich jetzt notgedrungen unerwähnt lassen muß: Wie man Land Art macht ohne ein Grundstück zu haben, wieso die Kaffeetassen genauso wie die bemalten Leinwände Teile von partizipativen Projekten sind, warum ein geprägter Bleiklumpen einen USB-Anschluss besitzt, welche Rolle Wasser und Wein und welche die Pillen spielen.

minder

Wenn Ihnen nicht nach Gesprächen zumute sein sollte, gilt das Sprichwort: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.  Soll heißen: Sie dürfen auch gerne wiederkommen, um den Direktorinnen ihr Museum abzukaufen, Stück für Stück oder, besser noch, en bloc, tutto completto!
Hiermit erkläre ich  das KASBOEK-Museum für eröffnet!

Rede zur Eröffnung der Ausstellung KASBOEK XI -Museum zu verkaufen in Münster (Bahnhofstraße 1), am 7. 12. 2012

Stephan Trescher